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Modul 01 / 05 ~35 min Grundlagen

Das Neuron

Das Nervensystem des Menschen besteht aus etwa 86 Milliarden Neuronen. Jedes ist eine eigene, elektrisch aktive Zelle — und zusammen bilden sie alles, was du denkst, fühlst und erinnerst. Um das Gehirn zu verstehen, musst du zuerst verstehen, wie ein einzelnes Neuron funktioniert.

1. Anatomie des Neurons

Ein Neuron ist eine spezialisierte Nervenzelle. Anders als die meisten anderen Körperzellen hat ein Neuron eine stark ausgeprägte Form — mit langen Fortsätzen, die Signale über große Distanzen übertragen können.

Der Informationsfluss folgt immer derselben Richtung: Dendrit → Soma → Axon → Synapse.

Anatomie eines Neurons mit Beschriftungen: Dendrites, Cell body, Nucleus, Axon, Myelin sheath, Schwann cell, Node of Ranvier, Axon terminal
Myelinisiertes Neuron mit allen Hauptkomponenten. Die Myelinscheide (Schwann-Zellen) beschleunigt die Signalleitung durch saltatorische Erregungsleitung an den Ranvier-Schnürringen.
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Dendriten

Die verzweigten Eingangsstrukturen. Empfangen synaptische Eingaben von anderen Neuronen als graduierte Potentiale. Ein Neuron kann Tausende dendritischer Kontakte (Spines) haben.

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Soma (Zellkörper)

Enthält Zellkern, Mitochondrien und endoplasmatisches Retikulum. Hier werden alle eingehenden Signale summiert (Integration). Das Soma entscheidet, ob ein Aktionspotential ausgelöst wird.

Axon

Die Ausgangsleitung — Millimeter bis zu einem Meter lang. Bei myelinisierten Axonen umhüllt die Myelinscheide (Schwann-Zellen) das Axon und beschleunigt die Signalübertragung (saltatorische Erregungsleitung).

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Axonterminale

Am Ende des Axons befinden sich die präsynaptischen Endigungen. Hier werden Neurotransmitter in Vesikeln gespeichert und bei einem Aktionspotential in den synaptischen Spalt ausgeschüttet.

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Merke: Dendriten empfangen — das Axon sendet. Der Informationsfluss ist immer unidirektional: Dendrit → Soma → Axonhügel → Axon → Synapse.

2. Das Membranpotential

Neuronen sind elektrisch aktive Zellen. Der Schlüssel dazu liegt in der Zellmembran — einer dünnen Lipiddoppelschicht, die Innen- und Außenraum trennt. Durch sie können Ionen nur über spezifische Ionenkanäle fließen. Diese selektive Durchlässigkeit erzeugt eine elektrische Spannung — das Membranpotential.

−70 mV Ruhepotential
−55 mV Schwellenpotential
+40 mV AP-Peak

Ruhemembranpotential (−70 mV)

In Ruhe beträgt das Membranpotential ca. −70 mV — das Innere der Zelle ist negativer als das Äußere. Drei Mechanismen halten diesen Zustand aufrecht:

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Ionengradient: Na⁺ ist außen ~140 mM, innen ~12 mM. K⁺ ist außen ~5 mM, innen ~140 mM. Diese Gradienten sind die Energiereserve des Neurons — sie ermöglichen die schnelle Signalübertragung.

3. Das Aktionspotential

Das Aktionspotential ist das elektrische Signal, das Neuronen über lange Strecken senden. Es ist ein Alles-oder-Nichts-Ereignis: entweder es findet statt (wenn das Membranpotential den Schwellenwert von ca. −55 mV überschreitet) oder nicht — unabhängig davon, wie stark der Reiz ist.

Neuron mit eingezeichnetem Aktionspotential, das vom Soma entlang des myelinisierten Axons zu den Terminalen läuft
Das Aktionspotential entsteht am Axonhügel und läuft entlang des Axons zu den Terminalen. An den Axonterminalen werden dann Neurotransmitter in den synaptischen Spalt abgegeben.
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Depolarisation

Spannungsabhängige Na⁺-Kanäle öffnen sich. Na⁺ strömt ins Zellinnere — das Membranpotential steigt rasant von −70 mV auf +40 mV.

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Repolarisation

Na⁺-Kanäle inaktivieren sich. Spannungsabhängige K⁺-Kanäle öffnen sich — K⁺ strömt heraus. Das Membranpotential sinkt wieder.

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Hyperpolarisation

K⁺-Kanäle schließen sich mit Verzögerung. Das Potential unterschreitet kurz das Ruhepotential (~−80 mV). In dieser Refraktärphase kann kein weiteres AP ausgelöst werden.

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Erholung

Die Na⁺/K⁺-Pumpe stellt die Ionengradienten wieder her. Das Neuron ist bereit für das nächste Signal.

Saltatorische Erregungsleitung

Bei myelinisierten Axonen springt das Aktionspotential von Ranvier-Schnürring zu Ranvier-Schnürring — anstatt jeden Millimeter neu zu depolarisieren. Das beschleunigt die Übertragung von ~1 m/s auf bis zu 120 m/s.

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Multiple Sklerose entsteht durch Angriff des Immunsystems auf die Myelinscheide. Folge: verlangsamte oder unterbrochene Signalübertragung — Lähmungen, Sehstörungen, Koordinationsprobleme.

4. Synaptische Übertragung

An der Synapse übergibt ein Neuron sein Signal an das nächste. Der synaptische Spalt (~20–40 nm) wird nicht elektrisch, sondern chemisch überbrückt — durch Neurotransmitter.

Schematische Darstellung einer chemischen Synapse mit Vesikeln, Ca²⁺-Kanälen, synaptischem Spalt und postsynaptischen Rezeptoren
Chemische Synapse im Detail: Synaptic vesicle (Vesikel mit Neurotransmittern), Voltage-gated Ca²⁺ channel, Synaptic cleft (~20 nm), postsynaptische Rezeptoren auf dem Dendriten. Der Neurotransmitter-Transporter sorgt für den Reuptake.
AP erreicht das Axonterminal — spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle öffnen sich.
Ca²⁺ strömt ins Terminal — Calciumionen lösen die Fusion synaptischer Vesikel mit der Membran aus.
Exozytose — Neurotransmitter (Glutamat, GABA, Acetylcholin …) werden in den Spalt ausgeschüttet.
Bindung an postsynaptische Rezeptoren — ionotrop (direkte Kanalöffnung) oder metabotrop (über G-Proteine).
Postsynaptisches Potential — exzitatorisch (EPSP, z.B. durch Glutamat) oder inhibitorisch (IPSP, z.B. durch GABA).
Inaktivierung — Reuptake ins Präsynaptikum, enzymatischer Abbau, oder Diffusion.

Summation: Wie Neuronen entscheiden

Ein einzelnes EPSP reicht nicht aus, um ein Aktionspotential auszulösen. Das Soma summiert alle eingehenden Signale am Axonhügel:

Überschreitet das summierte Potential ~−55 mV, feuert das Neuron — Alles-oder-Nichts.

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SSRIs (z.B. Fluoxetin/Prozac) blockieren den Serotonin-Reuptake-Transporter. Mehr Serotonin verbleibt im synaptischen Spalt — stärkere, längere Wirkung. Das ist das biochemische Prinzip hinter modernen Antidepressiva.

Zusammenfassung

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Anatomie

Dendrit → Soma → Axonhügel → Axon → Terminale. Unidirektionaler Informationsfluss.

Ruhepotential

−70 mV durch selektive Ionendurchlässigkeit und aktiven Transport. Na⁺/K⁺-ATPase verbraucht ~25% der Gehirnenergie.

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Aktionspotential

Alles-oder-Nichts ab −55 mV. Na⁺ rein (Depol.) → K⁺ raus (Repol.) → Hyperpol. → Erholung.

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Synapse

Ca²⁺ löst Exozytose aus. EPSP + IPSP summieren sich am Axonhügel — Überschreitung des Schwellenwerts = Feuerung.

Quellen